In den wenigen Minuten, bevor das Konzert losging, war ich auf seltsame Weise apathisch. Wenn man einen Künstler so sehr bewundert wie ich Bob Dylan - und das schon seit so langer Zeit - dann birgt der Besuch seines Konzerts auch ein gewisses Risiko der Enttäuschung. Und die kann fatale Konsequenzen haben; im schlimmsten Fall kann man der Musik, die einen so lange begleitet hat, vielleicht nicht mehr lauschen, ohne dass einen die Erinnerung an einen schlechten Live-Auftritt heimsucht. So saß ich also da, zwischen einem Journalisten, zwei enthusiastischen Fans, bei denen es sich offensichtlich um Vater und Sohn handelte und hinter einer Reihe von ergrauten Männern mit Langhaarfrisur - Bob's Age würde ich mal schätzen, gefasst auf alles was da folge. Und die Wahrheit ist: Bob Dylan ist kein Konzertmusiker. Seine Lieder möchte ich eigentlich nicht hören, wenn Tausende von Menschen um mich herum sitzen, vor Aufregung schwitzend und auf ihren Stühlen herumzappelnd, und man nicht in Ruhe über den philosophischen Mehrwert eines Songs sinnieren kann, weil einem das Gejubele und Geklatsche im Anschluss an jede Darbietung eben daran erinnert, wo man sich befindet. Und das ist jedenfalls nicht ein ruhiges Eckchen zwischen dem eigenen Plattenspieler und der Stereoanlage, in das man sich bei jedem Mal Dylan-Auflegen pathetischerweise begibt. Das Konzert hätte also eine Enttäuschung werden können, wäre da nicht dieser Moment gewesen, der die Stimmung - zumindest für mich - verändert hat. Bob Dylan saß, wie insgesamt erstaunlich oft im Laufe des Konzerts, am Piano und stimmte "Just Like A Woman" an. Dass das Stück sowohl hinsichtlich der Melodie als auch des Texts zu meinen Lieblingskompositionen gehört, ist nicht der einzige Grund, warum die ersten Takte bei mir den turning point auslösten. Ich habe schon einmal eine großartige Version von "Just Like A Woman" bei einem Live-Konzert gehört und es mag zugegebenermaßen ziemlich ironisch klingen, dass es mich einen Umweg über die doch völlig verbotene Interpretation eines Dylan-Songs durch eine wunderbare Jazzsängerin kostete, aber: Der Moment war da, in dem ich nur noch die Musik wahrgenommen habe und ich mich erst in der o2-Arena wiedergefunden habe, als mein Hintermann mich versehentlich am Nacken streifte. Ich wollte schreiben: Der Moment, in dem Bob Dylan nur noch für mich gesungen hat, aber das wäre gelogen. Nicht nur weil es angesichts eines nahezu ausverkauften Stadions eine allzu offensichtliche Lüge ist, sondern auch, weil Bob Dylan es - und davon bin ich überzeugt - wie kein anderer versteht, die Distanz zum Publikum zu wahren. Bob Dylan will durch seine Musik sprechen - nur deswegen, und sehr viel weniger wegen seiner rauchigen Stimme, verkaufen sich seine CDs seit vier Jahrzehnten so gut. Wohl auch deshalb wechselte er kein einziges Wort mit den Zuschauern; das einzige Mal, dass er das Publikum direkt ansprach, war, um zum Schluss die Mitglieder seiner Band vorzustellen. Selbst der Abschiedsgruß verhielt sich nonverbal mit höflicher Verbeugung. Im Grunde ist auch "Zuschauer" ein falsch gewählter Begriff, denn Bob Dylan macht keine Show, er inszeniert allenfalls. Dieses Konzert hatte keine Leinwand, keine bunten Banner oder Flutlichter, sondern nur eine schwach beleuchtete schwarze Wand, auf der sich der Schatten Bob Dylans spiegelte. Die Bühne passte nicht in unser Zeitalter - eher noch in das imaginäre Wohnzimmer Bob Dylans, in dem ich eine ähnlich gemütlich aussehend gestaltete Instrumentallandschaft vermute, wo er sich je nach Lust nach und Laune eine Gitarre oder die Mundharmonika schnappen kann. Die dubiose Unterbrechung dieses ganzen stilechten Szenarios, zu dem eben auch die wie Jazzmusiker in schicke Anzüge gekleideten Bandmitglieder gehörten, gestaltete sich in Form von zwei Effekten, die sich nicht anders als mit unangemessen abrupt beschreiben lassen und die ich nur auf den individuellen Humor der Techniker zurückführen kann. Es ist nämlich einfach so, dass Bob Dylan keine Technik braucht, um seine Größe unter Beweis zu stellen. Der überdimensionale Schatten hinter seinem Rücken hat schon mehr Präsenz als es ein Popmusiker mit zig Leinwänden je haben könnte. Und auch Bob Dylan versteht es trotz seiner - vom gesanglichen Standpunkt abgesehen - Schweigsamkeit, sich als Star zu präsentieren. Er ließ minutenlang auf sich warten, bevor er nach zwei Stunden Konzert noch drei Zugaben spielte; außerdem symbolisiert wohl auch sein obligatorischer Cowboyhut eher die Bindung an die Fangemeinde als die Bekundung eines Rebellentums, das er heute nicht mehr nötig hat. Ein Smoking an Stelle vom sich in Jeanshose und -hemd äußernden "Tangled up in Blue"-Prinzip von vor Generationen spricht seine eigene Sprache. Aber diese Veränderung ist okay, denn Bob Dylan hat ja nie einen Hehl daraus gemacht dass er rollt und tumbled, dass er an Modern Times glaubt. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Fans, die unterhalten werden wollen wie auf einem Rockkonzert und ein, nunja, restless farewell ausbuhen, weil sie den Unterschied zwischen Folk und Rock noch nicht begriffen haben. Ich war auch enttäuscht, als das Konzert vorbei war und dachte: "Ist es sein Ernst, nach einer halben Stunde aufzuhören mit der Musik?", habe dann aber mit Blick auf die Uhr festgestellt, dass mich mein Gefühl um zwei Stunden betrogen hat. Das spricht nur für Bob Dylan.
Freitag, 11. Juni 2010
Freitag, 7. Mai 2010
Wahlkämpfernaturen
Diejenigen unter euch, die ich hin und wieder mit meinen wissenschaftlichen Interessen behellige, wissen um mein Magistervorhaben: Ich möchte die These zu formulieren, dass sich Geschichtsaufarbeitung positiv auf die politische Kultur einer Gesellschaft auswirkt. Demzufolge würde bei steigender historischer Kenntnis auch der Wille, aktiv am politischen Miteinander zu partizipieren, wachsen. Der Zusammenhang zwischen Geschichtsaufarbeitung und einer positiven politischen Kultur erschien mir bislang immer als zweifellos gegeben. Das Resultat großer Informiertheit, dafür hätte ich bis vor kurzem plädiert, ist notwendigerweise gut.
Gerade erlebe ich mit, wie sich am Beispiel des Wahlkampfs zu den tschechischen Parlamentswahlen Ende Mai meine These bestätigt - allerdings mit einer Konsequenz, die mir nie in den Sinn gekommen wäre.
Die Kampagnen der tschechischen Parteien, die zu den Wahlen antreten, wirken wie Negativwerbung. Es ist, wie wenn Burger King in seinen Reklamespots das McDonald's-Personal ins Lächerliche zieht: Die politischen Kontrahenten hacken vor allem aufeinander herum anstatt sich selbst zu profilieren.
Dann gibt es da eine Reihe von ganz jungen Parteien, allen voran die bei Jugendlichen beliebten Neuerscheinungen "Öffentliche Angelegenheiten" sowie "TOP 09". Besonders erstere ist entschlossen, schon mit Hilfe ihres Namens "Demokratie" ins Land zu schreien - suggerierend, dass diese Staatsform hierzulande in Gefahr sei.
Nun ist es grundsätzlich wahr, dass Korruption ebenso wie politische Intransparenz in Tschechien Probleme sind. Das werfen gerade diese beiden neuen Parteien der amtierenden Regierung vor - Präsident Klaus reagiert darauf leichtfertig damit, die Empfehlung an Erst- wie Wiederwähler auszusprechen, bloß nicht eine jener genannten Parteien seine Stimme zu geben. Klaus' Begründung lautet dabei ironischerweise, die jungen Parteien seien eine Bedrohung für die Demokratie - also genau das, was diese in dem immer kommentarbereiten Präsidenten sehen.
Hauptproblem an den tschechischen Parlamentswahlen ist das geringe öffentliche Interesse dafür. Nur knapp über 50 Prozent der Bürger haben bei den vergangenen Wahlen ihre Stimme abgegeben, darunter weniger junge Menschen als jene älteren Staatsbürger, die noch die kommunistischen Zeiten kennen, in denen jeder wählen musste. Nicht nur der Zwang zur Wahl ist vielen erhalten geblieben, auch der damals zu wählenden Partei - heute leider noch immer existent - gibt ein Großteil davon ihr Kreuzchen.
Der Coup, den sich nun die Anhänger von "TOP 09" und "Öffentliche Angelegenheiten" ausgedacht haben, ist gerade zu genial und meines Wissens vorbildlos. Seit einiger Zeit kursiert auf den tschechischen Seiten von Youtube ein Video. Der Inhalt: Junge Wähler demonstrieren, wie alle tschechischen Erstwähler die eigenen Großeltern überreden sollten, bei der anstehenden Wahl nicht links zu wählen. Nicht links, das bedeutet im Klartext: Weder die Kommunisten noch die Sozialdemokraten.
Einige Zeitungen und Magazine, insbesondere freilich die bürgerlich gesinnten, die auch viele junge Leser haben, unterstützen diese - was ist sie eigentlich? gesellschaftliche? - Kampagne indirekt, indem sie die Jugendlichen (beliebtes Synonym hierfür ist in Tschechien die "Generation Facebook") für ihren Mut, ihre Meinung zu äußern, loben. Die Frage ist natürlich: Wie viel hat diese Aktion mit Meinungsäußerung zu tun, wie viel mit Meinungsmanipulation?
Ende dieser Woche ist die Situation zwischen den Wahlkämpfenden und der Presse eskaliert. Der stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten wurde bei einer Wahlveranstaltung von einem - nunja, ihn sicherlich nicht wählendem - Teilnehmer ins Gesicht geschlagen und musste über Nacht ins Krankenhaus. Einen Tag später, nachdem einige Tageszeitungen dieses Ereignis mit dem Großeltern-Video in Zusammenhang gebracht hatten, gaben die Sozialdemokraten den Boykott fünf wichtiger hiesiger Zeitungen und Magazine bekannt.
Die Sozialdemokraten fühlen sich natürlich ganz zu Recht beleidigt, dass sie von der Jugend mit den Kommunisten gleichgesetzt werden und Hetze gegen sie betrieben wird. Kritikern der Video-Kampagne missfällt außerdem der Gedanke, mit Überredungskunst alte Verwandte von ihrer Position abzubringen zu versuchen. Einer meiner Gesprächspartner fand, das Überreden sei nur einen kurzen Schritt davon entfernt, das Kreuzchen für die Großeltern selbst zu übernehmen.
Mir stößt das Video aus einem anderen Grund sauer auf. Es trifft meines Erachtens keine politische Aussage. Atattdessen stellt es eine ganze Gesellschaftsgruppe als unmündig dar. Die Jugendlichen, die auf dem Video zu sehen sind, wollen zeigen, dass ihre Großeltern aus Gewohnheit statt aus Überzeugung wählen und es daher legitim sei, ihnen die Wahl einer anderen Partei einzureden. Schwierig scheint das Ganze auch nicht zu sein: Großeltern sind alt, ergo dumm.
Wie in Deutschland die 68er, werden in Tschechien auch die Vertreter der "Generation Facebook" in die Geschichtsbücher eingehen als die Generation, die ihre Eltern und Großeltern mit deren Abhängigkeit von der Autorität konfrontiert hat. Doch wie die 68er auch wird sich die "Generation Facebook" in noch späteren Geschichtsbüchern kritischen historischen Perspektiven stellen müssen, die auf die unsachlichen und unfairen Argumente in dieser Konfrontation hinweisen werden. Denn die Jugendlichen, die ihre Großeltern mit - wohlgemerkter uninformierender - Überredungskunst zum Umwählen bringen wollen, übernehmen schlichtweg die Taktik der Kommunisten: Sag den Leuten, was sie wählen sollen und sie tun es. Zumindest dann, wenn man "sagen" locker definiert.
Gerade erlebe ich mit, wie sich am Beispiel des Wahlkampfs zu den tschechischen Parlamentswahlen Ende Mai meine These bestätigt - allerdings mit einer Konsequenz, die mir nie in den Sinn gekommen wäre.
Die Kampagnen der tschechischen Parteien, die zu den Wahlen antreten, wirken wie Negativwerbung. Es ist, wie wenn Burger King in seinen Reklamespots das McDonald's-Personal ins Lächerliche zieht: Die politischen Kontrahenten hacken vor allem aufeinander herum anstatt sich selbst zu profilieren.
Dann gibt es da eine Reihe von ganz jungen Parteien, allen voran die bei Jugendlichen beliebten Neuerscheinungen "Öffentliche Angelegenheiten" sowie "TOP 09". Besonders erstere ist entschlossen, schon mit Hilfe ihres Namens "Demokratie" ins Land zu schreien - suggerierend, dass diese Staatsform hierzulande in Gefahr sei.
Nun ist es grundsätzlich wahr, dass Korruption ebenso wie politische Intransparenz in Tschechien Probleme sind. Das werfen gerade diese beiden neuen Parteien der amtierenden Regierung vor - Präsident Klaus reagiert darauf leichtfertig damit, die Empfehlung an Erst- wie Wiederwähler auszusprechen, bloß nicht eine jener genannten Parteien seine Stimme zu geben. Klaus' Begründung lautet dabei ironischerweise, die jungen Parteien seien eine Bedrohung für die Demokratie - also genau das, was diese in dem immer kommentarbereiten Präsidenten sehen.
Hauptproblem an den tschechischen Parlamentswahlen ist das geringe öffentliche Interesse dafür. Nur knapp über 50 Prozent der Bürger haben bei den vergangenen Wahlen ihre Stimme abgegeben, darunter weniger junge Menschen als jene älteren Staatsbürger, die noch die kommunistischen Zeiten kennen, in denen jeder wählen musste. Nicht nur der Zwang zur Wahl ist vielen erhalten geblieben, auch der damals zu wählenden Partei - heute leider noch immer existent - gibt ein Großteil davon ihr Kreuzchen.
Der Coup, den sich nun die Anhänger von "TOP 09" und "Öffentliche Angelegenheiten" ausgedacht haben, ist gerade zu genial und meines Wissens vorbildlos. Seit einiger Zeit kursiert auf den tschechischen Seiten von Youtube ein Video. Der Inhalt: Junge Wähler demonstrieren, wie alle tschechischen Erstwähler die eigenen Großeltern überreden sollten, bei der anstehenden Wahl nicht links zu wählen. Nicht links, das bedeutet im Klartext: Weder die Kommunisten noch die Sozialdemokraten.
Einige Zeitungen und Magazine, insbesondere freilich die bürgerlich gesinnten, die auch viele junge Leser haben, unterstützen diese - was ist sie eigentlich? gesellschaftliche? - Kampagne indirekt, indem sie die Jugendlichen (beliebtes Synonym hierfür ist in Tschechien die "Generation Facebook") für ihren Mut, ihre Meinung zu äußern, loben. Die Frage ist natürlich: Wie viel hat diese Aktion mit Meinungsäußerung zu tun, wie viel mit Meinungsmanipulation?
Ende dieser Woche ist die Situation zwischen den Wahlkämpfenden und der Presse eskaliert. Der stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten wurde bei einer Wahlveranstaltung von einem - nunja, ihn sicherlich nicht wählendem - Teilnehmer ins Gesicht geschlagen und musste über Nacht ins Krankenhaus. Einen Tag später, nachdem einige Tageszeitungen dieses Ereignis mit dem Großeltern-Video in Zusammenhang gebracht hatten, gaben die Sozialdemokraten den Boykott fünf wichtiger hiesiger Zeitungen und Magazine bekannt.
Die Sozialdemokraten fühlen sich natürlich ganz zu Recht beleidigt, dass sie von der Jugend mit den Kommunisten gleichgesetzt werden und Hetze gegen sie betrieben wird. Kritikern der Video-Kampagne missfällt außerdem der Gedanke, mit Überredungskunst alte Verwandte von ihrer Position abzubringen zu versuchen. Einer meiner Gesprächspartner fand, das Überreden sei nur einen kurzen Schritt davon entfernt, das Kreuzchen für die Großeltern selbst zu übernehmen.
Mir stößt das Video aus einem anderen Grund sauer auf. Es trifft meines Erachtens keine politische Aussage. Atattdessen stellt es eine ganze Gesellschaftsgruppe als unmündig dar. Die Jugendlichen, die auf dem Video zu sehen sind, wollen zeigen, dass ihre Großeltern aus Gewohnheit statt aus Überzeugung wählen und es daher legitim sei, ihnen die Wahl einer anderen Partei einzureden. Schwierig scheint das Ganze auch nicht zu sein: Großeltern sind alt, ergo dumm.
Wie in Deutschland die 68er, werden in Tschechien auch die Vertreter der "Generation Facebook" in die Geschichtsbücher eingehen als die Generation, die ihre Eltern und Großeltern mit deren Abhängigkeit von der Autorität konfrontiert hat. Doch wie die 68er auch wird sich die "Generation Facebook" in noch späteren Geschichtsbüchern kritischen historischen Perspektiven stellen müssen, die auf die unsachlichen und unfairen Argumente in dieser Konfrontation hinweisen werden. Denn die Jugendlichen, die ihre Großeltern mit - wohlgemerkter uninformierender - Überredungskunst zum Umwählen bringen wollen, übernehmen schlichtweg die Taktik der Kommunisten: Sag den Leuten, was sie wählen sollen und sie tun es. Zumindest dann, wenn man "sagen" locker definiert.
Sonntag, 2. Mai 2010
Paris - Prag
Um herauszufinden, wer so viel Pathos in seinen Reisebericht gelegt und das romantische Paris mit dem unzugänglichen Osten in Zusammenhang gebracht hatte, startete ich originellerweise eine Google-Recherche. Folgende Stichpunkte sind Zusammenfassungen von dem, was ich unter den obersten Treffern fand:
1. Budapest - Paris des Ostens
2. Bulkowina - Paris des Ostens
3. Shanghai - Paris des Ostens
4. Warschau - Paris des Ostens
5. Riga - Paris des Ostens
6. Wien - Paris des Ostens
7. Bukarest - Paris des Ostens
8. Leipzig - Paris des Ostens
9. Gaziantep - Paris des Ostens
10. Beirut - Paris des Ostens
Die Auflistung spricht für sich selbst, sodass ich auf jegliche sarkastische Anmerkung verzichte. Selten habe ich ein so treffendes Beispiel dafür gefunden, wie seltsam undefiniert "der Osten" in der Umgangssprache ist. Dafür scheint Paris weitaus weniger einzigartig zu sein als sein Ruf es uns Glauben machen will. Wir finden es auf zehn Orten der Welt zwischen Wien und Shanghai - Prag nicht mitgerechnet. Das sind 8478 Kilometer, in denen wir zehn "Parise des Ostens" vorfinden, das näheste davon liegt mehr als 1200 Kilometer vom richtigen Paris entfernt.
Verzweifelt habe ich versucht, eine Gemeinsamkeit auszumachen, die erklären könnte, wie es zur gleichen Synonymisierung für alle diese Städte kam. Verschiedene Lösungsvorschläge gingen mir durch den Kopf: Städte im Landesinneren - umgeben von Bergen - Groß-/Hauptstädte - ehemalige (oder noch aktive) Diktaturen - bevorzugterweise (Ex-)Kommunismushochburgen. Doch all das ist fahrlässig aus dem Ärmel geschüttelt und wirft vor allem eine Frage auf: "Was hat das mit Paris zu tun?" Die Antwort darauf ist einfach. Sie lautet: "Nichts".
Dennoch bestimmt Paris den Messpegel, nach dem bestimmt wird, ob eine Stadt "paris" genug ist, um als sehens- oder lebenswert zu gelten. Wie etabliert diese Methode, die Wertigkeiten von Städten zu benennen ist, erkenne ich im Nachhinein an mir selbst: Obwohl ich Paris nicht für eine herausragend schöne Stadt halte, werte ich es reflexartig als Kompliment, wenn man Prag mit ihr vergleicht und das, obwohl ich mich in Prag verliebt habe wie in kaum eine Stadt zuvor.
Am Ende habe ich doch eine vergleichbare Szenerie innerhalb beider Städte gefunden: Das sind der Pariser Stadtteil "Le Marais" und der Prager Park am tschechischen Senat auf der Kleinseite. Beide Orte taugen zum Entspannen und als Rückzugsort, wenn die Touristenmassen zu sehr einengen - wenngleich Prag auch noch trotz seiner Unmengen an Touristen nicht seinen romantisch-unberührten Charme verliert. Auf den muss Paris schon länger verzichten.
Verzweifelt habe ich versucht, eine Gemeinsamkeit auszumachen, die erklären könnte, wie es zur gleichen Synonymisierung für alle diese Städte kam. Verschiedene Lösungsvorschläge gingen mir durch den Kopf: Städte im Landesinneren - umgeben von Bergen - Groß-/Hauptstädte - ehemalige (oder noch aktive) Diktaturen - bevorzugterweise (Ex-)Kommunismushochburgen. Doch all das ist fahrlässig aus dem Ärmel geschüttelt und wirft vor allem eine Frage auf: "Was hat das mit Paris zu tun?" Die Antwort darauf ist einfach. Sie lautet: "Nichts".
Dennoch bestimmt Paris den Messpegel, nach dem bestimmt wird, ob eine Stadt "paris" genug ist, um als sehens- oder lebenswert zu gelten. Wie etabliert diese Methode, die Wertigkeiten von Städten zu benennen ist, erkenne ich im Nachhinein an mir selbst: Obwohl ich Paris nicht für eine herausragend schöne Stadt halte, werte ich es reflexartig als Kompliment, wenn man Prag mit ihr vergleicht und das, obwohl ich mich in Prag verliebt habe wie in kaum eine Stadt zuvor.
Am Ende habe ich doch eine vergleichbare Szenerie innerhalb beider Städte gefunden: Das sind der Pariser Stadtteil "Le Marais" und der Prager Park am tschechischen Senat auf der Kleinseite. Beide Orte taugen zum Entspannen und als Rückzugsort, wenn die Touristenmassen zu sehr einengen - wenngleich Prag auch noch trotz seiner Unmengen an Touristen nicht seinen romantisch-unberührten Charme verliert. Auf den muss Paris schon länger verzichten.
Dienstag, 27. April 2010
Nationalhelden
Einmal auf die Würdigung Jan Hus' auf dem wichtigsten Prager Platz aufmerksam gemacht, begann ich aber, die Tatsache an sich interessant zu finden, dass dem mittelalterlichen Reformer ausgerechnet im säkularen Tschechien eine so große Bedeutung beigemessen wird.
Die erste einigermaßen witzige Beobachtung, die man jeglichen Plastiken Jan Hus' gegenüber machen muss, besteht darin, dass es vollends unbekannt ist, wie der Begründer des Hussitentums ausgesehen hat. Das bekannteste Porträt Jan Hus' stammt aus den Pinselstrichen eines unbekannten Malers des 16. Jahrhunderts und ist genauso sehr Phantasieprodukt wie das Denkmal auf dem Altstädter Ring. Der andere Punkt, über den man sich wundern kann, ist die Würdigung eines prelutheranischen Reformators, der bis jetzt trotz einer solchen Empfehlung des ehemaligen Prager Erzbischofs Miroslav Vlk an den Vatikan keine Rehabilitierung von der katholischen Kirche erfahren hat, die ihn 1415 auf dem Kostanzer Konzil hinrichten ließ und die immerhin als einzige Kirche in der Tschechischen Republik überhaupt eine Rolle spielt. Nur 2,3 Prozent der tschechischen Bevölkerung ist protestantisch; trotzdem genießt Jan Hus in der ganzen Bevölkerung einen Ruf als Befreier der Nation.
Als ich vergangene Woche mit Freunden einen Ausflug ins südböhmische Tábor machte, entdeckten wir vor Ort das "Jan-Hus-Museum" und zeigten uns allesamt überrascht darüber, wie viele Städte der immerhin im Alter von 45 Jahren Hingerichtete in seinem kurzen Leben bereist haben sollte. Bei der nachträglichen Recherche stellte ich enttäuschenderweise fest, dass Jan Hus tatsächlich niemals in Tábor gewesen war; lediglich seine radikalen Anhänger waren 1420 auf die im heutigen Tábor gelegene Festung Kotnov gezogen, um dort einen Gottesstaat zu errichten. Als Aushängeschild für Touristenbesuche eignet er sich trotzdem: Als wir in dem Táborer Museum nachfragten, ob die Stadt viele ausländische Gäste empfange, donnerte uns ein "selbstverständlich" entgegen und wir wurden auf die historische Bedeutung Jan Hus' aufmerksam gemacht, über den man sich im gleichnamigen Museum schließlich ausführlich informieren könne. Warum sich der aufmüpfige Rektor der Karlsuniversität aber den Status des Volksbefreiers erworben hat und heute als Nationalheld gefeiert wird, beantworten auch die ausführlichen Informationstafeln nicht. Da wird freilich der mittelalterliche Konflikt zwischen Weltlich- und Geistlichkeit aufgeführt; wie das aber zur politischen Rolle eines Prager Priesters und Universitätsrektors passt und warum dessen Lebensende im Zusammenhang mit dem ersten Prager Fenstersturz steht - das bleibt irgendwo zwischen den Zeilen verborgen.
Niemand will Jan Hus absprechen, ein tschechisches Nationalbewusstsein aus der Taufe gehoben und dem Königreich Böhmen zu seiner Eigenständigkeit verholfen zu haben. Wie viel ehrliche Anerkennung steckt aber hinter seiner Denkmalsetzung, wenn nicht einmal das Museum, das sich angesichts seines Namens eigentlich ausschließlich mit diesem Thema befassen sollte, erklärt, warum er als zentrale politische Figur Böhmens gefeiert wird?
Die erste einigermaßen witzige Beobachtung, die man jeglichen Plastiken Jan Hus' gegenüber machen muss, besteht darin, dass es vollends unbekannt ist, wie der Begründer des Hussitentums ausgesehen hat. Das bekannteste Porträt Jan Hus' stammt aus den Pinselstrichen eines unbekannten Malers des 16. Jahrhunderts und ist genauso sehr Phantasieprodukt wie das Denkmal auf dem Altstädter Ring. Der andere Punkt, über den man sich wundern kann, ist die Würdigung eines prelutheranischen Reformators, der bis jetzt trotz einer solchen Empfehlung des ehemaligen Prager Erzbischofs Miroslav Vlk an den Vatikan keine Rehabilitierung von der katholischen Kirche erfahren hat, die ihn 1415 auf dem Kostanzer Konzil hinrichten ließ und die immerhin als einzige Kirche in der Tschechischen Republik überhaupt eine Rolle spielt. Nur 2,3 Prozent der tschechischen Bevölkerung ist protestantisch; trotzdem genießt Jan Hus in der ganzen Bevölkerung einen Ruf als Befreier der Nation.
Als ich vergangene Woche mit Freunden einen Ausflug ins südböhmische Tábor machte, entdeckten wir vor Ort das "Jan-Hus-Museum" und zeigten uns allesamt überrascht darüber, wie viele Städte der immerhin im Alter von 45 Jahren Hingerichtete in seinem kurzen Leben bereist haben sollte. Bei der nachträglichen Recherche stellte ich enttäuschenderweise fest, dass Jan Hus tatsächlich niemals in Tábor gewesen war; lediglich seine radikalen Anhänger waren 1420 auf die im heutigen Tábor gelegene Festung Kotnov gezogen, um dort einen Gottesstaat zu errichten. Als Aushängeschild für Touristenbesuche eignet er sich trotzdem: Als wir in dem Táborer Museum nachfragten, ob die Stadt viele ausländische Gäste empfange, donnerte uns ein "selbstverständlich" entgegen und wir wurden auf die historische Bedeutung Jan Hus' aufmerksam gemacht, über den man sich im gleichnamigen Museum schließlich ausführlich informieren könne. Warum sich der aufmüpfige Rektor der Karlsuniversität aber den Status des Volksbefreiers erworben hat und heute als Nationalheld gefeiert wird, beantworten auch die ausführlichen Informationstafeln nicht. Da wird freilich der mittelalterliche Konflikt zwischen Weltlich- und Geistlichkeit aufgeführt; wie das aber zur politischen Rolle eines Prager Priesters und Universitätsrektors passt und warum dessen Lebensende im Zusammenhang mit dem ersten Prager Fenstersturz steht - das bleibt irgendwo zwischen den Zeilen verborgen.
Niemand will Jan Hus absprechen, ein tschechisches Nationalbewusstsein aus der Taufe gehoben und dem Königreich Böhmen zu seiner Eigenständigkeit verholfen zu haben. Wie viel ehrliche Anerkennung steckt aber hinter seiner Denkmalsetzung, wenn nicht einmal das Museum, das sich angesichts seines Namens eigentlich ausschließlich mit diesem Thema befassen sollte, erklärt, warum er als zentrale politische Figur Böhmens gefeiert wird?
Freitag, 23. April 2010
Prager Melodien
Musik wirkt auch als ein Mittel der Begegnung. Die Bourbon Street Ramblers, die - mal auf der Karlsbrücke, mal auf dem Altstädter Ring - Straßenswing auf hohem Niveau machen, begeistern Touristen und die Einwohner Prags gleichermaßen.
Generationen spielen keine Rolle mehr, wenn auf den Bühnen der großen Festivals die besten Künstler ihres Genres auftreten: Im Mai und Juni gastieren rund um Rudolfinum und Smetana-Saal große Dirigenten, Orchester und Symphonien beim Prager Frühling. Unter den Zuschauern wird man dort Konstellationen antreffen, die nur auf besonderen Anlässen üblich sind: Töchter begleiten ihre Väter dorthin, Angestellte leisten ihren Chefs Gesellschaft und Freunde aus Vinohrady treffen sich dort mit ihren Bekannten aus Smichov. Kurzum: Musik ist das Verbindungsglied der Bürger Prags.
Vergangene Woche stellte mir ein tschechischer Student eine Frage, die mich zum Nachdenken brachte: "Wer ist der deutsche Bob Dylan?", wollte er wissen, und konkretisierte: "Gibt es einen Sänger, den jeder in Deutschland mag?" Nach einem Augenblick, in dem ich nach einer ernsthaften Antwort auf diese Frage suchte, hakte er nach: "Vielleicht Hansi Hinterseer?" Selbstverständlich brach ich auf Anhieb in einen Zustand aus, der irgendwo zwischen Lachtränen und Empörung lag. Erst als ich merkte, dass es meinem Gesprächsparner mit der letzten Frage ernst gewesen war, gesellte sich zu meinem Amüsement der ehrliche Schock. Was für ein Bild haben unsere Nachbarn bloß von uns?! Ich bin versucht, Herrn Hinterseer persönlich die Schuld an diesem Image zu geben; seine ledigliche Existenz erklärt aber leider noch lange nicht, warum ein gewisser Anteil meiner Landsleute tatsächlich - und das auch noch freiwillig - seinem allzeit fröhlichen Geträller lauscht.
Die Unterhaltung mit dem interessierten tschechischen Studenten jedenfalls hat mich gelehrt: Die Qualität von "Volksmusik" ist eine Frage der Definition. Wenn ein Prager von seinem Lieblingsvolkssänger erzählt, begeht man einen Fehler, wenn man ihn wegen dieser Geschmacksbekundung in eine Schublade steckt, in die es von all unseren Bekannten bislang vielleicht allenfalls unsere Großeltern geschafft haben. "Volksmusik" ist in Tschechien das, was man in Deutschland als guten Folk bezeichnen würde. Und es gibt hier populäre Vertreter dieses Genres, die altersgrenzenüberschreitend als Könner ihres Fachs anerkannt sind. Würde man einen Tschechen nach dem "Bob Dylan" seines Landes fragen, ihm würden vermutlich zwei Namen einfallen: Da ist Jaromír Nohavica, der sich auch über die Republik hinaus einen Namen gemacht hat und der musikalisch wohl Leonard Cohen noch näher steht als Bob Dylan. Zum anderen würde wahrscheinlich der Name Karel Plíhals fallen, der - wie die Gäste im Musikantenstadl - in der Regel vor sitzendem Publikum auftritt, mit dem Unterschied, dass er eine Gitarre zu betätigen weiß und außerdem eine schöne Stimme hat, mit der er über Weltbewegenderes singt als darüber, wie schön der Tag mit Hansi gewesen ist.
Mir ist immer noch kein Künstler eingefallen, der in Hinsicht auf seine Beliebtheitswerte oder wenigstens auf seinen musikalischen Einfluss in Deutschland mit Bob Dylan verglichen werden könnte (erhellende Vorschläge nehme ich entgegen).
Allzu gern würde ich mich darin wähnen, meine Nationalität wenigstens mit den größten Komponisten der Vergangenheit zu teilen. Dann aber stelle ich fest, dass selbst jene - man denke nur an Beethoven oder Händel - die Flucht aus ihrem Vaterland ergriffen haben, um in anderen Gefilden nach künstlerischer Inspiration zu suchen. Mit Musik kann man als Deutsche in Tschechien keinen Staat gewinnen *). Dafür darf man hier im Alltag eine Auswahl an musikalischer Qualität genießen, von der man zu Hause nur träumen kann.
*) Ich bitte um Verzeihung für diesen Witz.
Dienstag, 20. April 2010
The Times They Are A-Changing
Das Prinzip tschechischen Humors ist überaus sympathisch. Wer eine lustige Geschichte zum Besten geben will, so wird empfohlen, der soll von einer peinlichen Angelegenheit berichten - selbstverständlich vorausgesetzt, bei dem Verursacher der Peinlichkeit handelt es sich um den Erzähler persönlich. Um meine Integrationsbereitschaft in die tschechische Mentalität zu signalisieren, möchte ich nun also eine Peinlichkeit gestehen. Ich habe heute an Bushido gedacht (den Gangster-Rapper, nicht den Vehaltenskodex der Samurai). Es widerspricht dem originalgetreuen tschechischen Humorverständnis, Mitleid zu erwecken und den Gesprächspartner damit milde zu stimmen, sodass ich auf einen langatmigen Rechtfertigungsversuch dieses Gedankens verzichte.
Im Zuge meines Gedankengangs jedenfalls erinnerte ich mich an den Filmtitel der Bushido-Autobiographie "Zeiten ändern Dich" und machte eine schockierende Feststellung: Übersetzt man den Filmtitel ins Englische - was, ich hoffe es inständigst, in der Kinowelt noch nicht geschehen ist - gleicht er fast dem Namen eines Albums von Bob Dylan. "The Times They Are A-Changing" zählt meiner Ansicht nach zu den besten Studio-Alben des 20. Jahrhunderts. Schlimm genug, dass sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Aussage des Bushido-Films und der Bob-Dylan-Platte kaum verleugnen lässt (es ist mir bewusst, dass ich ein Hausverbot in allen Konzerthallen, in denen Bob Dylan jemals aufgetreten ist, für diesen Vergleich verdient hätte). Noch schlimmer erscheint mir, dass Bushido sich selbst als gesellschaftskritischer Barde der Nation fühlen könnte. Es ist noch nicht so lange her, dass Bushido zu Gast bei Johannes B. Kerner war - und ja, trotz der streitbaren Qualität der Talkrunde noch im ZDF - und dort mit einer Vertreterin der Hamburger CDU über Politik diskutierte. Man muss sich dieselbe Situation vor 45 Jahren vorstellen. Es ist die Zeit kurz vor Woodstock und Bob Dylan oder ein vergleichbarer anderer Vertreter der 68-Generation hat einen Auftritt in einer renommierten Fernsehshow. Damals schimpften die Eltern der Dylan/Joplin/Lennon-Anhänger, die so altklug die Verfehlungen von Politik und Gesellschaft anprangerten, über die moderne Musik und die ganze Hippie-Kultur auf dieselbe Art, in der wir es heute über Bushido tun. Was aber, wenn unsere Kinder und Enkel in ein paar Jahrzehnten Bushido als den Songwriter feiern, der die Musik revolutioniert hat und er zu dem Helden wird, der es gewagt hat, die Tabus der Konservativen zu brechen? Wenn aus Hippietum Hip-Hop-Tum wird? Was, wenn sie uns vorwerfen, das Genie in Bushido verkannt zu haben und sein Grab zum nationalen Heiligtum ernennen? (Vorsichtshalber habe ich es geprüft: Bushido wird es immerhin nicht schaffen, in den glorreichen "Club of 27" einzutreten).
Bob Dylan hat es 1964 ja schon angekündigt: "The Times They Are A-Changing"; Bushido hat die daraus vielleicht einzig richtige Schlussfolgerung gezogen. Die Zeiten ändern nicht nur sich, sondern auch Dich. Das bedeutet immerhin, dass es uns nicht gänzlich vom Hocker hauen wird, wenn unsere Kinder Sonntags morgens am Frühstückstisch von Drogen, Sex und Gangbang der vergangenen Nacht berichten und dem vielleicht noch ein freundliches "Reich mir mal die Marmelade, Nutte" hinzufügen. Bis dahin haben uns die Zeiten eh geändert und wir sind so tolerant geworden, dass wir unsere Kinder freiwillig ins Gheddo fahren, wo wir mit ein paar Aggrofightern cokxxen. Das wird ein Spaß.
Im Zuge meines Gedankengangs jedenfalls erinnerte ich mich an den Filmtitel der Bushido-Autobiographie "Zeiten ändern Dich" und machte eine schockierende Feststellung: Übersetzt man den Filmtitel ins Englische - was, ich hoffe es inständigst, in der Kinowelt noch nicht geschehen ist - gleicht er fast dem Namen eines Albums von Bob Dylan. "The Times They Are A-Changing" zählt meiner Ansicht nach zu den besten Studio-Alben des 20. Jahrhunderts. Schlimm genug, dass sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Aussage des Bushido-Films und der Bob-Dylan-Platte kaum verleugnen lässt (es ist mir bewusst, dass ich ein Hausverbot in allen Konzerthallen, in denen Bob Dylan jemals aufgetreten ist, für diesen Vergleich verdient hätte). Noch schlimmer erscheint mir, dass Bushido sich selbst als gesellschaftskritischer Barde der Nation fühlen könnte. Es ist noch nicht so lange her, dass Bushido zu Gast bei Johannes B. Kerner war - und ja, trotz der streitbaren Qualität der Talkrunde noch im ZDF - und dort mit einer Vertreterin der Hamburger CDU über Politik diskutierte. Man muss sich dieselbe Situation vor 45 Jahren vorstellen. Es ist die Zeit kurz vor Woodstock und Bob Dylan oder ein vergleichbarer anderer Vertreter der 68-Generation hat einen Auftritt in einer renommierten Fernsehshow. Damals schimpften die Eltern der Dylan/Joplin/Lennon-Anhänger, die so altklug die Verfehlungen von Politik und Gesellschaft anprangerten, über die moderne Musik und die ganze Hippie-Kultur auf dieselbe Art, in der wir es heute über Bushido tun. Was aber, wenn unsere Kinder und Enkel in ein paar Jahrzehnten Bushido als den Songwriter feiern, der die Musik revolutioniert hat und er zu dem Helden wird, der es gewagt hat, die Tabus der Konservativen zu brechen? Wenn aus Hippietum Hip-Hop-Tum wird? Was, wenn sie uns vorwerfen, das Genie in Bushido verkannt zu haben und sein Grab zum nationalen Heiligtum ernennen? (Vorsichtshalber habe ich es geprüft: Bushido wird es immerhin nicht schaffen, in den glorreichen "Club of 27" einzutreten).
Bob Dylan hat es 1964 ja schon angekündigt: "The Times They Are A-Changing"; Bushido hat die daraus vielleicht einzig richtige Schlussfolgerung gezogen. Die Zeiten ändern nicht nur sich, sondern auch Dich. Das bedeutet immerhin, dass es uns nicht gänzlich vom Hocker hauen wird, wenn unsere Kinder Sonntags morgens am Frühstückstisch von Drogen, Sex und Gangbang der vergangenen Nacht berichten und dem vielleicht noch ein freundliches "Reich mir mal die Marmelade, Nutte" hinzufügen. Bis dahin haben uns die Zeiten eh geändert und wir sind so tolerant geworden, dass wir unsere Kinder freiwillig ins Gheddo fahren, wo wir mit ein paar Aggrofightern cokxxen. Das wird ein Spaß.
Sonntag, 18. April 2010
Denn wenn ein Staat stürzt...
Ausgerechnet in Tschechien, das als am meisten säkularisiertes Land Europas gilt, verhält sich das umgekehrt. Wo 60 Prozent der Bürger sich selbst als Atheisten bezeichnen, ist tatsächlich von öffentlichem Interesse, was die Kirche tut und wie sie ihre Positionen besetzt. Die Debatte, die zwischen der Stadt Prag und den katholischen Vertretern mit der Einsetzung des neuen Bistumsrepräsentanten aufgeflammt ist, versprüht fast schon einen Hauch von mittelalterlichen Streitigkeiten zwischen Staat und Kirche. Wie sein Vorgänger will der neue Erzbischof, Dominik Duka, die Rückgabe der Eigentumsrechte des Prager Veitsdoms an die katholische Kirche durchsetzen. In den meisten postkommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas waren die unter der sowjetischen Herrschaft zwangsenteigneten Kirchenbesitze nach 1990 an den ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben worden. Nicht so der Veitsdom. Dass die Kommune ein großes Interesse daran hat, die Eigentumsrechte, so sie sie auch auf illegitime Art erhalten hat, zu behalten, ist nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist auch das Argument der Kirche, mit der Aufrechterhaltung des derzeitigen Eigentümerstatus würden die Zwangsenteignungen unter sowjetischer Gewalt gerechtfertigt. Mit Dutzenden Gegenbelegen könnte man der Kirche auf diesen Vorwurf entgegnen. Wäre ich ein in seiner Partei ungeliebtes Mitglied namens T***o S*****n, würde ich nun jede Menge unangemessener Vergleiche zu Überbleibseln aus sämtlichen deutschen Diktaturen ziehen. Von Eva Herrmann ganz zu schweigen. Vielleicht macht man es sich - selbst als Religionskritiker - aber zu leicht, wenn man auf die Prager Problematik mit dem Argument antwortet, in Deutschland habe man letzten Endes die Anzahl der Kindertagesstätten seit 1990 vervielfacht, obwohl die Institution ursprünglich vom Schurkenstaat DDR eingeführt worden war. Dieser Vergleich hinkt zugegebenermaßen, weil die KiTa als solche wohl eine der objektiv als am legitimsten einzustufenden Maßnahmen aus der gesamten DDR-Geschichte gelten kann. Wäre es nicht zu vermessen, könnte die katholische Kirche jedoch auf eine der Feststellungen Martin Luthers pochen: "Denn wenn ein Staat stürzt, stürzen auch seine Gesetze." Man sieht, die Protestanten täten sich wohl leichter mit apodiktischen Formeln zur Rückeroberung ihres Guts.
Trotz der lutheranischen Weisheit begibt sich die Kirche auf dünnes Eis, wenn sie Forderungen wie diese an den Staat stellt. Geschichte lehrt wenig. Was Institutionen aber aus ihr lernen könnten, wäre, dass sie manchmal besser damit bedient sind, bestehende Tatsachen ruhen zu lassen, selbst wenn diese aus einer unrechten Situation heraus entstanden sind. Unangenehm wäre doch etwa die Vorstellung, sämtliche sich unfair behandelt fühlende Staaten hätten irgendwann nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf eine gerechtere Verteilung der europäischen Grenzen gepocht. Die betroffenen Staaten haben - Gott sei Dank - eingesehen, dass Gerechtigkeit relativ ist. Vermutlich liegt aber genau hier der Knackpunkt: Weil die katholische Kirche Gerechtigkeit als absoluten Zustand betrachtet, erhebt sie Anspruch auf etwas, das wohl fast jede andere Einrichtung als längst verloren und vergessen erachtet hätte.
Man müsse die Situation um den Veitsdom im historischen Kontext betrachten, sagte Duka bei seiner Amtseinführung. Nun gut, betrachten wir auch die katholische Kirche einmal im historischen Kontext. Was unterscheidet sie wirklich von der sowjetischen Diktatur? Soweit ich sehen kann, vor allem eins: Der sowjetische Kommunismus unterdrückte Menschen für etwas weniger als 70 Jahre, die katholische Kirche ist für jahrhundertelange Greueltaten an Menschen verantwortlich. Solange die Kirche es nicht vermag, den Heiden ihre Religionsfreiheit zurückzugeben, die Opfer der Kreuzzüge wieder zum Leben zu erwecken und afrikanischen Aids-Infizierten, die in Folge dessen, was sie von katholischen Missionaren erzählt bekamen, keine Kondome benutzt haben, ihre Gesundheit wiederzugeben, sollte sie nicht mit verjährten Forderungen für negativen Aufruhr sorgen, den sie zur Wahrung ihres derzeitig schlechten Images ohnehin nicht nötig hat.
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